Kaffeeklatsch mit einem Obdachlosen

Da saß er, mitten im Stadtweg und schaute mit seinem leeren Blick in der Gegend umher. Vor ihm ein älterer, schlafender Hund. Ich sah ihn mit seinem Hund schon mehrmals in der Stadt. Unsere Blicke trafen sich während ich an ihm vorbei lief. Wir lächelten uns an. Ein Obdachloser und ich – ich mit Eile durch die Stadt jagend, Erledigungen, Einkäufe und tausend Gedanken im Kopf. Eigentlich zu viele, um eine Pause zu machen. Ich konnte aber nicht anders, der Mann ging mir nicht aus dem Kopf. Also ließ ich für einen Moment meine Gedanken ruhen und ging in den nächsten Coffee-Shop, bestellte zwei Kaffee, ein belegtes Brötchen und eine Frikadelle. Ich ging mit dem Kaffee zu dem Obdachlosen zurück, hockte mich zu ihm und fragte, ob er mit mir einen Kaffee trinken möchte und vielleicht Lust auf ein belegtes Brötchen hat. Es war so schön zu sehen, wie seine Augen strahlten und er für einen Moment aufblühte. Während sein Hund die Frikadelle verspeiste, kamen wir ins Gespräch und er erzählte mir seine traurige Geschichte, die Gründe, warum er obdachlos ist und wie sein Leben tagtäglich so aussieht. Man kann sich selber oftmals schwer vorstellen, wie das alles passieren kann – so ein Gespräch hilft dabei, zu verstehen.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil sie mich berührt und weil MIR dieser Mann mit ganz wenig etwas geschenkt hat. Er hat mich geerdet. Meine Probleme wurden „klein“ und bei weitem nicht mehr aussichtslos. Er sprach offen und voller Vertrauen über reale Probleme, über den vollkommenen Verlust einer Existenz, Krankheit, Einsamkeit, Ausgrenzung. Er hat mir gezeigt, über welche Kleinigkeiten man sich trotzdem freuen kann und was wir als privilegierte Gesellschaft alles im Überfluss haben. Wie dankbar wir eigentlich jeden Tag sein müssten für das, was uns im Leben geschenkt wird.

Er hat mir Vorurteile genommen und mir aufgezeigt, wie schnell man in solch eine Situation kommen kann. Nicht jeder schafft es, alleine wieder aufzustehen, wenn er fällt...Dieser Mann hat mir sehr bewusst gemacht, dass wir nicht in der Ferne, sondern auch in der ganz nahen Umgebung Menschen um uns herum haben, die sicherlich einen Anstoß und eine helfende Hand gebrauchen können. Und ja –sie kaufen mit dem Geld was man ihnen schenkt auch Alkohol - NACHDEM ihr Hund mit Futter versorgt ist und sie selber mit knurrendem Magen daneben sitzen, wird der billige Wein oder Schnaps konsumiert, damit die Nacht schnell zum Tag wird. Aber glaubt mir, vermutlich würde man es selber tun, wenn man in dieser Situation wäre...;-) Natürlich gibt es auch in dieser Randgruppe unserer Gesellschaft "solche und SOLCHE" Menschen. So, wie man es über alle sozialen Systeme hinweg beobachten kann. Mein eigenes Urteil bilden kann ich mir aber erst dann, wenn ich hin höre und hin sehe. Die Lebensgeschichte und der aktuelle Zustand des Menschen müssen in meinem Kopf ein stimmiges Bild ergeben.

Vielleicht mögt ihr auch das nächste mal genauer hinschauen, wenn ihr einen Menschen im Abseits seht...egal wo, egal wann, egal wie...hinschauen und nicht wegsehen...

Fo Cused29 Apr 09:48
einfach nur bewegend und gibt zum nachdenken

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